Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.613

Auschwitz, die längere Zeit dort waren, war klar, dass die Juden, die nicht als arbeitsfähig ausgesondert waren, vergast würden. Sie waren zum Tode bestimmt. Dabei war es gleichgültig, wer als Arzt auf der Rampe die Selektionen machte. Im übrigen war gerade Dr. L., wie viele Zeugen bekundet haben, im Schutzhaftlager der menschlichste Arzt.

 

Schliesslich ist auch die Angabe der Zeugin, Dr. L. habe sie bereits auf der Rampe für den Küchendienst ausgesucht, nicht glaubhaft. Niemand hat bestätigt, dass bereits auf der Rampe Häftlinge durch die selektierenden Ärzte für den Küchendienst ausgesucht worden seien. In der Hauptverhandlung hat die Zeugin sogar angegeben, Dr. L. habe mit ihr bereits am Bahnhof Tests über ihre Eignung zum Küchendienst gemacht. Auch das ist unglaubwürdig. Nach vier bis sechs Wochen soll dann nach der Angabe der Zeugin Dr. L. sie zum Küchendienst ausgesucht haben, nachdem die Tests gut ausgefallen und in Ordnung gewesen seien. Früher hatte die Zeugin gegenüber ihrem Anwalt angegeben, dass die Tests am nächsten Tag (Blut- und Stuhlproben) gemacht worden seien. Später sei er gekommen und habe ihr gesagt, sie könne jetzt in der Küche arbeiten. Nach ihrer früheren Angabe will sie Dr. L. insgesamt dreimal gesehen haben. In der Hauptverhandlung gab sie an, sie habe ihn nur zweimal gesehen. Die Zeugin will 20 Jahre darauf gewartet haben, den Dr. L. wiederzusehen. Als sie in der Zeitung auf den Namen gestossen sei, habe sie - so hat die Zeugin weiter angegeben - zu ihrem Mann gesagt: "Das ist der Mann, den ich suche."

 

Bei diesen zum Teil phantasievoll erscheinenden und unwahrscheinlichen Angaben kann die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, dass die sehr kranke und nervenschwache Zeugin unbewusst seit ihrer Lagerzeit die Selektion, die für sie ohne Zweifel ein furchtbares Erlebnis gewesen sein muss, zu Unrecht auf Dr. L. projiziert, dessen Name sie vielleicht in irgendeinem Zusammenhang im Lager erfahren hat oder den sie vielleicht im Lager als einzigen SS-Führer mit Namen kennengelernt hat. Möglicherweise hat sie sich innerlich an diesen Mann geklammert und ihn unbewusst mit dem furchtbaren Erlebnis in Verbindung gebracht, weil ihr andere Namen nicht bekannt waren. Die Zeugin hat schliesslich auch zugegeben, dass sie sich den SS-Führer, der sie auf der Rampe selektiert habe, nicht genau angesehen habe. Denn sie habe schon vor der Uniform Angst gehabt. Sie wisse nur, dass er sich am Bahnhof hässlich benommen habe. Sie hat auch in der Hauptverhandlung eine andere Beschreibung dieses SS-Führers gegeben, als sie sie ihrem Anwalt gegenüber gemacht hat.

Insgesamt konnte das Schwurgericht nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass die Zeugin Go. nach ihrer Ankunft in Auschwitz tatsächlich den Angeklagten Dr. L. auf der Rampe beim Selektieren gesehen hat.

 

IV. Rechtliche Würdigung

 

Der Angeklagte Dr. L. hat in den mindestens vier festgestellten Fällen durch den Rampendienst und den Dienst an der Gaskammer während der Vernichtung der RSHA-Transporte die Vernichtungsaktionen und damit die Mordtaten der Haupttäter durch eigene Tatbeiträge gefördert. Die Auswahl der Arbeitsfähigen aus den RSHA-Transporten kann allerdings - für sich allein betrachtet - nicht als kausaler Beitrag für die Mordtaten angesehen werden. Denn die Arbeitsfähigen wurden anschliessend in das Lager aufgenommen und somit durch den Arzt, hier durch Dr. L., vor dem Tode vorläufig gerettet. Die Tätigkeit des Arztes auf der Rampe, hier des Angeklagten Dr. L., erschöpfte sich jedoch nicht in der blossen Auswahl der Arbeitsfähigen. Er hatte vielmehr über Leben und Tod aller jüdischen Männer und Frauen über 16 Jahren, die ihm nach der durchgeführten Vorselektion durch die unteren SS-Dienstgrade zur Selektion vorgeführt wurden, zu entscheiden. Zwar waren alle jüdischen Menschen durch den Befehl Hitlers zum Tode bestimmt worden. Dem Arzt blieb jedoch auf der Rampe ein Ermessensspielraum, einen Teil der Todgeweihten als arbeitsfähig zu beurteilen und damit - zumindest vorläufig - vor dem Tode zu erretten. Dadurch, dass er einen Teil der an ihm vorbeimarschierenden Menschen als "arbeitsunfähig" beurteilte und mit der Hand oder einem sonstigen Zeichen zu der Gruppe der für den Gastod bestimmten Menschen schickte, gab er diese Menschen endgültig für die Tötung frei und