Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.612

1944 gesehen haben. Auch diese Zeugin kannte den Angeklagten Dr. L. nicht. Sie will seinen Namen gehört haben, als eine Aufseherin "Guten Morgen, Dr. L." gesagt habe. Schon das erscheint unglaubhaft. Denn es ist nicht anzunehmen, dass die SS-Aufseherinnen die SS-Führer mit ihrem Namen angesprochen haben. Vor allem aber erscheint es im Hinblick auf die Aussage des Zeugen Dr. Szy. unwahrscheinlich, dass Dr. L. noch im November 1944 im Lager Birkenau gewesen ist. Die Zeugin verwechselt wahrscheinlich den Angeklagten Dr. L. mit einem anderen Arzt. Möglicherweise hat sie den Angeklagten auch bewusst zu Unrecht belastet.

Die Zeugin Z. hat behauptet, Dr. L. habe den RSHA-Transport, mit dem sie angekommen sei, selektiert. Dabei habe er sie mit einem Dolch in den Arm gestochen, als sie wieder zu ihrer Mutter, die Dr. L. zu den Arbeitsunfähigen geschickt habe, hätte zurücklaufen wollen. Einige Wochen später hätte er sie im Lager für die Gaskammer ausgesucht. Von der Blockältesten habe sie den Namen des Dr. L. erfahren. Die Zeugin hat den Angeklagten Dr. L. aber offensichtlich mit einem anderen SS-Führer verwechselt. Denn auf die Frage, ob sie ein Bild von Dr. L. habe, übergab die Zeugin dem Gericht eine Fotografie, die einen SS-Standartenführer und alten Kämpfer darstellt und behauptet, dass dies Dr. L. sei. Ihre Aussage war daher wertlos.

 

Auch die Zeugin Go., die unter anderem behauptet hat, Dr. L. habe sie unmittelbar nach ihrer Ankunft auf der Rampe in Birkenau für den Küchendienst ausgewählt, erscheint nicht zuverlässig. Bei dieser Zeugin handelt es sich um eine kranke nervenschwache Frau, die nach ihrer eigenen Aussage die meiste Zeit im Bett verbringen muss. Sie hat darüber, wie sie den Namen des Angeklagten Dr. L. erfahren haben will, eine etwas phantastische Geschichte erzählt. Zunächst will sie den Namen auf der Rampe gehört haben, als ein anderer SS-Führer denjenigen, der sie für den Küchendienst ausgesucht habe, mit Dr. L. angesprochen habe. Dann will sie den Namen Dr. L. ein zweites Mal im Duschraum am gleichen Tag gehört haben. Sie sei - so hat sie berichtet - aus dem Duschraum von einem Häftling herausgeholt und draussen befragt worden, wer sie während des Transports geschlagen habe. Er habe nämlich gesehen, dass sie auf dem Rücken Verletzungen von Schlägen gehabt habe. Der Häftling habe sie dann beruhigt und habe ihr gesagt, sie brauche keine Angst zu haben, er arbeite schon drei Jahre im Krematorium und sei einer der ihren. Er gehöre zum Krematoriumskommando. Er habe sie dann nach den näheren Umständen und nach ihren Eltern gefragt. Dann habe er ihr erklärt, wenn Dr. L. am Bahnhof gewesen sei, dann würden ihre Mutter und ihre Schwester nicht mehr lange leben. Sie würden noch am gleichen Tag getötet. Die Zeugin erklärte dann weiter, dass der Häftling eine einfarbige weisse Lageruniform getragen habe. Eine Mütze habe er nicht aufgehabt. Er sei der einzige Mann weit und breit gewesen.

 

Diese Schilderung der Zeugin enthält mehrere Unwahrscheinlichkeiten: Die Angehörigen des Krematoriumskommandos arbeiteten im Krematorium, jedoch nicht bei den Duschräumen. Sie waren von den anderen Häftlingen streng isoliert. Im Lager B II d war ihr Block, in dem sie untergebracht waren, besonders gesichert und für andere Häftlinge gesperrt. Als sie ihre Unterkunft in den Krematorien selbst hatten, fehlte ihnen überhaupt jeglicher Kontakt zu anderen Häftlingen. In den Krematorien arbeiteten sie unter Aufsicht. Es erscheint daher unglaubhaft, dass sich ein Angehöriger des Sonderkommandos zu einem Duschraum hat begeben können, in dem Frauen geduscht wurden.

Die neu angekommenen Menschen wurden ferner stets von SS-Männern oder weiblichen SS-Aufseherinnen zu den Duschräumen begleitet. Auch bei den Duschräumen war Aufsicht. Es erscheint völlig ausgeschlossen, dass ein männlicher Häftling trotz dieser Aufsicht eine Frau aus dem Duschraum hat herausrufen und mit ihr sprechen können. Den Namen des Dr. L. will die Zeugin durch den Häftling des Sonderkommandos während der Unterhaltung - das zweite Mal an diesem Tag - gehört haben. Nach ihrer Aussage hat sie dem Häftling selbst den Namen nicht gesagt. Wieso der Häftling, der gar nicht bei den Selektionen auf der Rampe dabeigewesen ist, gerade auf den Namen des Dr. L. gekommen sein soll, ist unerfindlich. Es ist auch nicht zu verstehen, warum der Häftling es gerade auf die Person des Dr. L. abgestellt haben soll, um die Tötung der Angehörigen der Zeugin als sicher anzunehmen. Denn allen Häftlingen in