DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.III Verfahren Nr.1064 - 1114 (1955 - 1964)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1068    OG    23.07.1963    DJuNSV Bd.III S.166

Morgen trafen Lastwagen in den Dörfern ein mit Soldaten und SS-Leuten, die mit Maschinengewehren und Gewehren in die Häuser eindrangen und die Bewohner aufforderten, mit sich zu nehmen, soviel jeder persönlich tragen könne, und sofort ihre Häuser zu verlassen. Innerhalb kürzester Zeit wurden diese Menschen auf die LKWs verladen, gesammelt und in Transporten von 600 bis 1200 Personen nach Deutschland gebracht. Auf diese Weise wurde die Bevölkerung der Gebiete von Brezicki und Krski mit 65000 Einwohnern fast vollkommen ausgesiedelt.

 

Die im annektierten Teil Sloweniens nach den Vernichtungsaktionen und Deportationen verbliebene Bevölkerung wurde gewaltsam germanisiert. Ihre Namen wurden "verdeutscht", die Schüler wurden gezwungen, in Zwangskursen die deutsche Sprache zu lernen. Bei dieser Aufgabe wurden dem "Steirischen Heimatbund" besondere Aufgaben zugewiesen. Dieser war eine Organisation aller Einwohner der unteren Steiermark, und zwar "der deutschen Volksgenossen wie auch derjenigen, die auf der Grundlage alter Blutsbindungen bemüht sind, die Rückführung in die deutsche Volksgemeinschaft zu erreichen". Jeder Widerstand gegen diese gewaltsame Germanisierung wurde mit drakonischen Strafmassnahmen geahndet. Verschleppungen durch die Gestapo und Todesurteile wurden zur alltäglichen Erscheinung.

 

Der Angeklagte wirkte auch mit bei der Schaffung der rechtlichen Grundlagen "für die endgültige Liquidierung der slowenischen Organisationen im Deutschen Reich, insbesondere im Reichsgau Kärnten", wie es in einem Schnellbrief des Innenministeriums vom 1.November 1941 heisst. Er nahm an der am 12.November 1941 im RMdI stattgefundenen Beratung für den Entwurf einer Verordnung über die Organisationen der slowenischen Volksgruppe im Reich teil. Der Entwurf, dessen Text mit geringen Abweichungen dem der Verordnung über die Organisationen der polnischen Volksgruppe im Deutschen Reich vom 27.Februar 1940 entsprach, sah unter anderem vor:

"Die Tätigkeit der Organisationen der slowenischen Volksgruppe im Deutschen Reich (Vereine, Stiftungen, Gesellschaften, Genossenschaften und sonstige Unternehmen) ist verboten. Neue Organisationen dürfen nicht gegründet werden.

Die bisherigen Verwaltungsträger dieser Organisationen scheiden aus ihrem Amt aus. Sie können nicht über die Unternehmen dieser Organisationen und ihre Vermögenswerte verfügen.

Ob eine Organisation als Organisation der slowenischen Volksgruppe gilt, entscheidet im Zweifel der Reichsminister des Innern."

 

Der Angeklagte war auch beteiligt, als es darum ging, in Rumänien die innere Ordnung und das Verwaltungssystem denen des faschistischen Deutschlands anzugleichen. Zu diesem Zwecke traf er am 16.März 1942 mit Stuckart, Kettner und Dellbrucke in Rumänien ein. Für seine mehr als einwöchige Mitwirkung an der Regelung dieser Fragen in Rumänien selbst erhielt der Angeklagte vom König von Rumänien das Komturkreuz des Ordens des Sterns von Rumänien verliehen. Hitler erteilte die Genehmigung zur Annahme dieser Auszeichnung.

 

VII. Die Mitwirkung des Angeklagten an der Germanisierung Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs

 

1. Unmittelbar nach dem Überfall auf Frankreich wurde im RMdI die neue Unterabteilung I, 6 (Angelegenheiten der Westgebiete) geschaffen. Ihren Geschäftsverteilungsplan setzte Pfundtner durch Verfügung vom 29.Juni 1940 in Vertretung Fricks mit sofortiger Wirkung in Kraft. Ihr Leiter wurde Ministerialrat Ehrensberger, stellvertretender Leiter der Angeklagte. Ausserdem bearbeitete der Angeklagte in dieser Unterabteilung das Sachgebiet Allgemeine Fragen und Organisation in Belgien, Eupen-Malmedy und Luxemburg als Referent und die gleichen Fragen in den übrigen Westgebieten als Korreferent. Im Geschäftsverteilungsplan für das Jahr 1941, der im Juli in Kraft gesetzt worden war, wird der Angeklagte