DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.III Verfahren Nr.1064 - 1114 (1955 - 1964)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1068    OG    23.07.1963    DJuNSV Bd.III S.135

diese den Juden auch nur die kleinste Unterstützung in ihrer katastrophalen Lage zuteil werden liessen. Auch hierzu haben Zeugen vor dem Senat ausgesagt.

 

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurden auch dort in den zeitweilig besetzten Gebieten schreckliche Massaker durchgeführt.

Der Zeuge Danijl Klo. fiel den Faschisten in Grodno in die Hände, die gleich nach ihrem Einzug eine grosse Anzahl Angehörige der Intelligenz erschossen. Der damals 12 Jahre alte Zeuge wurde im November 1941 mit seinen Angehörigen in das eigens errichtete Ghetto Kolbarino verbracht. Die 60000 bis 70000 Insassen des Ghettos wurden von Ende 1942 bis März 1943 planmässig vernichtet. Sie wurden zu diesem Zwecke in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Viele Verwandte und Freunde verlor der Zeuge hierbei. Seine Familie wurde durch Zufall aus einem Transport wieder ausgesondert. Als im August 1943 die Liquidierung des Ghettos Bialystok begann, fielen ihr die Mutter und drei Geschwister des Zeugen zum Opfer. Auf seinem weiteren Leidensweg lernte der Zeuge die KZ-Lager Stutthof, Auschwitz, Monowitz und Buchenwald mit all ihren Unmenschlichkeiten kennen.

Den Zeugen Kan. ereilte die faschistische Judenverfolgung in Minsk. Auch er hatte unbeschreibliche Erlebnisse. Der Massenmord im Ghetto erfasste am 7.November 1941 auch seine Eltern, zwei Schwestern und die Ehefrau seines Bruders mit ihrem Kind. Von etwa 80000 im Ghetto zusammengefassten jüdischen Menschen ist kaum jemand am Leben geblieben. Auch dieser Zeuge erlebte auf seinem Weg durch mehrere Lager überall die systematische Ausrottung von Menschenleben mit allen nur denkbaren Methoden.

Die Zeugin Maria He. berichtete dem Senat, dass sofort nach dem Einmarsch der faschistischen Truppen in Leipaja (Lettland) die Erschiessung der etwa 8000 jüdischen Bürger begann, von denen kaum 100 ihr Leben retten konnten. Die Zeugin verlor ihre Eltern und Geschwister. Sie selbst wurde, da sie mit einem Letten verheiratet war, nicht erschossen; sie musste sich aber sterilisieren lassen. Als im Jahre 1943 dann trotzdem begonnen wurde, auch in Mischehen lebende Juden zu verschleppen, lebte sie mit ihrem Mann verborgen auf dem Lande.

 

Über das Endstadium der Judenverfolgung in Ungarn hörte das Oberste Gericht die Zeugin Chara Kek. Aus Ungarn führte der Vernichtungsspezialist Eichmann den Todeslagern im Osten vom Frühjahr bis zum Herbst 1944 rund 200000 Juden zu. Die Transporte folgten einander so schnell, dass die Vernichtungskapazität der Gaskammern und Krematorien in Auschwitz nicht mehr ausreichte. Die Zeugin wurde mit all ihren Angehörigen Anfang Juni 1944 nach Auschwitz deportiert. Viele der in den Viehwaggons zusammengepferchten Menschen gingen schon unterwegs an den qualvollen Transportbedingungen und durch Wasser- und Nahrungsmangel zugrunde, andere verloren den Verstand. Der Grossteil der lebend Angekommenen wurde sofort bei der Ankunft in Auschwitz für die physische Vernichtung ausgesondert. Die Zeugin verlor alle ihre Verwandten; sie selbst sollte am 13.April 1945 auf dem Rückzugstransport in einem Wald ermordet werden, kam aber mit einer Schussverletzung davon.

 

E. Die Teilnahme des Angeklagten an der Germanisierung der von den Faschisten okkupierten Länder

 

Auf der Grundlage der "völkisch-rassischen" Ideologie des Faschismus, die den Interessen des deutschen Monopolkapitals entsprach, erfolgte die völkerrechtswidrige Annexion anderer Länder und erfolgten verbrecherische Massnahmen gegen deren Völker, insbesondere die Germanisierung der okkupierten Gebiete. Bereits das internationale Militärtribunal in Nürnberg hat die von den Faschisten betriebene Germanisierungspolitik als ein Verbrechen bezeichnet, das in seinem Umfang, seiner barbarischen Begehung und seinen grausamen Folgen einmalig in der Geschichte der Menschheit dasteht. Das Naziregime kleidete viele seiner Verbrechen, insbesondere auch die Massenverbrechen der Germanisierung, in die Hülle von Rechtsnormen. Auf dieser Grundlage wurden durch eine Fülle von Gesetzen,