DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.III Verfahren Nr.1064 - 1114 (1955 - 1964)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1068    OG    23.07.1963    DJuNSV Bd.III S.134

Dort, wo die deutschen Faschisten unter ihrer Aufsicht und Kontrolle noch eine gewisse nationale Regierungsgewalt zuliessen, wie z.B. in Frankreich, wurden diese Organe gezwungen, Normativakte zu erlassen, mit denen die Nürnberger Gesetze inhaltlich und in ihren Auswirkungen auf diese Gebiete übertragen wurden. Andernorts, wie z.B. im sog. Protektorat Böhmen und Mähren, erliessen die deutschen Behörden entsprechende Anordnungen. In anderen besetzten Gebieten waren die faschistischen Rassengesetze auch ohne besondere Normativakte für die politischen Organe wie SD, Gestapo, Waffen-SS usw. direkt die Richtschnur für ihre Massnahmen gegen Juden und andere "artfremde" Bevölkerungsgruppen, wie z.B. die der Zigeuner.

 

Beinahe einer halben Million jüdischer Bürger der damaligen Tschechoslowakei hat das faschistische Verbrechen der "Endlösung der Judenfrage" das Leben gekostet. Die Zeuginnen Dr. Gertruda Se.-Ca., Dr. Margita Schw., Uly Jer., Judis Urb. und Dr. Ela Deu. sind einige der wenigen, die die Deportationen in die Vernichtungslager überlebt haben.

Die Zeugin Dr. Se.-Ca. musste sofort nach der Besetzung ihrer Heimat im März 1938 ihre Tätigkeit als Rechtsanwältin aufgeben. Als Jüdin war es ihr untersagt, nach 20 Uhr das Haus zu verlassen, bestimmte Strassen und Plätze in Prag zu betreten, Zeitungen zu beziehen, zu telefonieren und Kulturveranstaltungen zu besuchen. Im Herbst 1939 mussten die Rundfunkgeräte abgeliefert werden. Die Kinder durften zuerst keine deutschen und dann auch keine tschechischen Schulen mehr besuchen. Später mussten die jüdischen Bürger die Wohnungen räumen und den sog. Judenstern tragen. Ende 1942 wurde die Zeugin gemeinsam mit ihrer Mutter über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Ihre Mutter wurde sofort vergast. Ihr älterer Bruder war schon vorher in Auschwitz ermordet worden. Ähnliche furchtbare Leidenszeiten haben auch die anderen Zeuginnen mitgemacht.

 

Als überlebende jüdische Opfer Frankreichs sind vor dem Obersten Gericht der Deutschen Demokratischen Republik als gesellschaftlicher Ankläger Charles Palant, als sachverständiger Zeuge Rechtsanwalt Charles Led. und als Zeugin Erica Wa., Paulette Sw., Benjamin Gin. und Raphael Fei. aufgetreten.

25000 bis 30000 jüdische Menschen beiderlei Geschlechts und jeden Alters sind allein am 16.Juli 1942 in Paris zusammengetrieben und unter unmenschlichen Bedingungen zur Vernichtung nach dem Osten transportiert worden. Von etwa 130000 deportierten jüdischen Bürgern Frankreichs sind knappe 2000 zurückgekehrt.

Bei ihrer Jagd auf die jüdischen Menschen machten die Faschisten auch vor Kontrollen in Krankenhäusern nicht halt. Der Zeuge Benjamin Gin. berichtete, dass während seiner ärztlichen Tätigkeit in dem jüdischen Rothschild-Krankenhaus der Chef der SS in Paris, Dannecker, immer wieder im Krankenhaus erschien und ungeachtet der ärztlichen Auskünfte den Patienten die Verbände abriss, um sich zu vergewissern, ob sich nicht transportfähige Juden im Krankenhaus verbargen. Die Zeugin Wa. erlebte in Auschwitz, dass die Kapazität der Gaskammern und Krematorien nicht mehr ausreichte. Da die SS der Meinung war, dass die angelieferten Juden keine Kugel wert seien, wurden sie mit Gewehrkolben und Knüppeln auf den Kopf geschlagen und oft noch lebend in Verbrennungsgruben geworfen. Auch in Holland erging es den Juden nicht besser. 104000 fielen den Faschisten zum Opfer. Nur ganz wenige überlebten die Vernichtungslager, darunter auch die vom Obersten Gericht als Zeugen gehörten Eheleute Jacques und Eva Fu.

 

In den osteuropäischen Ländern wüteten die berufsmässigen Vernichter jüdischen Lebens noch hemmungsloser, weil sie glaubten, dass sie vor der dortigen slawischen Bevölkerung, die sie ebenfalls als minderwertig ansahen, keine Zurückhaltung zu üben brauchten.

Noch vor der eigentlichen "Endlösung" wurde die jüdische Bevölkerung auf dem Territorium Polens beinahe restlos mit den grausamsten Methoden liquidiert. Die schätzungsweisen Angaben über diese Verluste schwanken zwischen 2600000 und 3271000. Bezeichnend hierbei ist, dass die Faschisten rücksichtslos auch nichtjüdische Menschen vernichteten, wenn