DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.III Verfahren Nr.1064 - 1114 (1955 - 1964)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1068    OG    23.07.1963    DJuNSV Bd.III S.122

Durch diesen Runderlass, der in der Folgezeit zur rücksichtslosen Aufhebung vieler Adoptionsverhältnisse führte, hat der Angeklagte den davon Betroffenen massloses Leid zugefügt. Dem Senat hat hierzu eine Reihe von Originalakten des Reichs- und Preussischen Ministeriums des Innern als Beweismaterial vorgelegen. Aus der grossen Anzahl der Fälle können nur einige angeführt werden.

 

So wandte sich am 29.Oktober 1938 das jüdische Ehepaar Altschüler an den Reichsinnenminister und bat unter Bezugnahme auf den Runderlass vom 20.September 1938 darum, die Adoption des im September 1930 angenommenen Kindes Karl-Heinz Weissert nicht rückgängig zu machen. Ausführlich wurde dargelegt, dass die Eheleute Altschüler seit Generationen keinerlei Verbindung zur jüdischen Religionsgemeinschaft hätten und das Adoptivkind in jeder Weise in einem besonderen Heim im nationalsozialistischen Sinne erzogen werde. Es wurde weiter angeführt, dass das als uneheliches Kind eines Dienstmädchens geborene Adoptivkind sehr an seinen Adoptiveltern hänge und es für alle Beteiligten eine ausserordentliche Härte wäre, wenn das Adoptionsverhältnis aufgehoben würde. Ausserdem wird auf die ausserordentlich günstige Vermögenslage des ehemaligen Bankdirektors Kommerzienrat Ludwig Altschüler und darauf verwiesen, dass das Adoptivkind als Erbe dieses Vermögens eingesetzt worden sei. Obwohl das Staatsministerium des Innern in München in seinem Bericht vom 26.September 1936 27 an den Reichsinnenminister zugeben musste, dass es sich bei den volljüdischen Adoptiveltern um wertvolle Menschen handele und das Adoptivkind in einem Internat erzogen werde, erschien dieser Stelle dennoch eine Aufhebung des Adoptionsverhältnisses aus nachstehenden Gründen erforderlich:

"Es besteht aber die Gefahr, dass der Junge aus dieser persönlich bedingten und verständlichen Einstellung zu seinen Adoptiveltern falsche Schlüsse hinsichtlich des Wertes der jüdischen Mischrasse - als Ganzes gesehen - zieht. Insofern geschieht, auf lange Sicht hinaus betrachtet, dem deutschblütigen Jungen, der nach den weltanschaulichen Grundsätzen und Gesetzen des nationalsozialistischen Reiches leben wird, kein Gefallen, wenn man ihn dauernd an die Dankbarkeit gegenüber den jüdischen Zieheltern bindet."

Das Verfahren wurde lediglich aus der Besorgnis, dass das Kind dem Staat zur Last fallen könnte, so lange ausgesetzt, bis sich andere, geeignete Adoptiveltern fänden. Diese Bemühungen der staatlichen Stellen blieben lange Zeit ohne Erfolg. Nachdem zur Kenntnis gelangte, dass die Eheleute Altschüler ihrem Adoptivkind bereits erhebliche Vermögenswerte übereignet hatten und damit die materielle Sicherstellung des Kindes gewährleistet war, gab die Abteilung I des R.u.Pr.MdI am 24.März 1942 - I d A 26 IV/41 / 5654 - dem Staatsministerium des Innern in München die Weisung, nunmehr bei dem Amtsgericht Neustadt die Aufhebung des Adoptionsvertrages zu betreiben.

 

In der Sache Dr. Wilhelm Schönfeld-d'Elbée / Margot Fahrenholz schlug der Reichsstatthalter von Thüringen am 15.Februar 1941 die Aufhebung des Adoptionsverhältnisses vor, weil Margot Fahrenholz Mischling ersten Grades war. Obwohl das "Adoptivkind" zu dieser Zeit schon 44 Jahre alt war, wies das R.u.Pr.MdI den Reichsstatthalter von Thüringen an, einen entsprechenden Antrag zu stellen.

In der Sache Strack/Fink war der adoptierte Junge Mischling ersten Grades. Der Regierungspräsident zu Düsseldorf berichtete, dass die Aufhebung des Annahmeverhältnisses eine grosse Härte bedeuten würde. Dennoch erhielt er am 11.Juli 1941 durch die Abteilung I des R.u.Pr.MdI die Weisung, einen dahingehenden Antrag zu stellen.

In der Sache Röver/Sommer war das angenommene Mädchen ein jüdischer Mischling ersten Grades. Die Eheleute Röver wurden derart bedrängt, dass sie am 4.September 1939 selbst einen Antrag auf Aufhebung des Annahmeverhältnisses stellten. Am 9.September 1939

27 Richtig wohl: 26.September 1939.