DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.I Verfahren Nr.1001 - 1030 (1975 - 1989)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1009a    Stadtgericht Berlin    07.06.1983    DJuNSV Bd.I S.285

Der Angeklagte hatte seiner Gruppe den Feuerbefehl erteilt und selbst zwei Feuerstösse aus seiner Maschinenpistole auf die Männer in der Garage abgegeben.

 

Die in den Blutlachen liegenden Leichen wie die Sterbenden und Verletzten wurden in allen Mordstätten mit brennbarem Gut überschüttet und verbrannt, wie es von Anfang an befohlen war. Wieviele auf diese Weise bei lebendigem Leibe in den Flammen umkamen, hat man nie feststellen können.

Die Zeugen, denen die Flucht aus der Scheune Laudy glückte, waren die einzigen, die über die schrecklichen Erlebnisse berichten konnten. Aus ihren Aussagen ist bekannt, dass sich unter den zerschossenen Leibern noch Lebende befanden, dass auf jene, die noch Lebenszeichen von sich gaben, Einzelschüsse abgegeben wurden, ehe das Ganze in Brand gesetzt wurde. Mit Sicherheit steht nach den Zeugenaussagen fest, dass Opfer bei lebendigem Leibe verbrannt sind. Sie hatten noch letzte Worte mit den Zeugen gewechselt.

An der Garage Beaulieu setzte der Angeklagte den Befehl zur Verbrennung um, liess Brennmaterialien in die Garage werfen und anstecken. Er hatte sich nicht davon überzeugt, ob sich noch Lebende unter den Zusammengeschossenen befanden. Er war der Meinung, dass wegen der Feuerstärke seiner Gruppe keiner hätte überleben können.

 

Nach der Inbrandsetzung der Mordstätten wurde begonnen, das übrige Dorf zu brandschatzen. Zur gleichen Zeit vollzogen die Faschisten auch das Massaker in der dicht umzingelten Kirche.

Im Ergebnis aller in der Beweisaufnahme getroffenen Feststellungen über die Geschehnisse in der Kirche liessen sich die genauen Abläufe nicht mehr mit Gewissheit rekonstruieren. Fest steht, dass eine Kiste mit Sprengstoffen und Zündschnüren am Hauptaltar der Kirche abgestellt und gezündet wurde und nach einer Detonation beissender Qualm den Frauen und Kindern die Luft zum Atmen nahm. Mehrere SS-Leute drangen in die Kirche ein und töteten Frauen und Kinder. Verzweifelte Versuche, aus der Kirche durch Türen oder Fenster zu fliehen, wurden durch gezielte Schüsse der umstellenden SS-Posten verhindert. Das Kirchengestühl und Brennmaterial türmten die SS-Leute in der Kirche auf und setzten es in Brand. Die Zeugin Rou., der allein es gelang, sich aus der brennenden Kirche zu retten und die diese Feststellungen traf, wurde bei ihrer Flucht durch ein Kirchenfenster durch mehrere Schüsse der SS-Posten schwer verletzt.

 

Der Angeklagte hatte auf Befehl des Kommandeurs eine der ihm unterstehenden Gruppen zur Aktion an der Kirche beordert und ihre Teilnahme an der Vernichtung der Frauen und Kinder gegen 16.15 Uhr kontrolliert. Nach seinen Worten hörte er dabei das Wimmern von Menschen aus der brennenden Kirche.

Die SS-Leute seines Zuges wie der anderen Züge hatten zuvor und während des Massakers in der Kirche begonnen, das Dorf systematisch niederzubrennen und zu plündern. Hierzu hatte der Angeklagte seiner Gruppe die Abschnitte zugewiesen. Mindestens acht Anwesen wurden auf diesen Befehl niedergebrannt. Aus einem Lebensmittelgeschäft eignete er sich Bargeld mit dem Bemerken an, dass dies zum Verbrennen zu schade sei.

In den Abendstunden brannte das Dorf ab - die befohlene Vernichtung Oradours war durchgeführt.

 

Das Ständige Militärtribunal Bordeaux stellte mit Urteil vom 13.Februar 1953 die Namen von 642 Opfern fest. Von den Kindern Oradours gelang es nur einem einzigen, dem damals achtjährigen Roger Godfrin, dem Massenmord durch Flucht zu entkommen.

Unter den Opfern befinden sich auch jene Männer, die durch den unmittelbaren Schiessbefehl des Angeklagten und durch dessen eigene Schüsse an diesem Tag ihr Leben lassen mussten. Darunter befanden sich jene, die identifiziert werden konnten: Besson, Guillaume; Chapelot, Louis; Jackow, Jean; Lavergne, Jean; Lavergne, Jean-Baptist; Mirablon, Albert; Moreau, Lucien; Moreau, Pierre; Peuroulet, Marcel; Pinede, Robert; Valentin, Jean; Bardet, Leonhard; Nicoles, Jean-Baptist.