DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.I Verfahren Nr.1001 - 1030 (1975 - 1989)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1009a    Stadtgericht Berlin    07.06.1983    DJuNSV Bd.I S.284

Am Vormittag des 10.Juni wurde der Angeklagte zu einer Zusammenkunft der Kommandeure befohlen, in der Diekmann unter Berufung auf einen höheren Befehl der 3.Kompanie den Befehl erteilte, das Dorf Oradour-sur-Glane nordwestlich von Limoges zu besetzen, die gesamte Bevölkerung vom Säugling bis zum Greis ausnahmslos zu töten und den Ort niederzubrennen. In diesem abseits gelegenen, militärisch bedeutungslosen Ort war keinerlei Widerstand zu erwarten. Die Führung der Aktion übernahm SS-Sturmbannführer Diekmann. Zwischen 12.00 und 12.30 Uhr setzte sich die Kompanie mit etwa 10 LKW und mindestens zwei gepanzerten Fahrzeugen aus St. Junien in Richtung Oradour in Bewegung. Ihre drei Züge, einschliesslich Kompanietrupp und Aufklärungsgruppe, hatten einen Personalbestand von 148 SS-Angehörigen, davon drei Offiziere. Zusammen mit Diekmann und dessen Begleitung waren es mindestens 150 SS-Leute. Jeder Zug war mit zwei leichten, die Kompanie mit schweren Maschinengewehren ausgerüstet. Die übrigen Schützen hatten Karabiner. Ferner wurden Sprengmittel mitgeführt.

Der den Offizieren bereits bekannte Befehl wurde der Truppe unmittelbar vor dem Ort gegen 14.00 Uhr bekanntgegeben. Dem 1.Zug der 3.Kompanie befahl der Angeklagte, den Ort zu durchfahren und zu umstellen. Gegen 14.15 Uhr wurde ohne jeden Zwischenfall diese Ausgangsstellung erreicht.

 

Die auffällige Art des Durchfahrens und der Verzicht auf eine militärische Absicherung der eigenen Kräfte lässt erkennen, dass die SS weder mit Zwischenfällen noch mit Widerstand rechnete.

Der Angeklagte setzte zur Umstellung die 1. und 2.Gruppe mit 26 SS-Leuten ein. Er befahl zu verhindern, dass Personen den Ort verlassen oder betreten, bei Fluchtversuchen sollte gezielt geschossen werden. Entsprechend diesem Befehl haben die von ihm eingesetzten Sicherungskräfte mehrfach auf flüchtende Menschen geschossen.

Um 14.30 Uhr begann die SS von allen Seiten den Ort zu durchkämmen, die Bewohner aus den Häusern und zum zentral gelegenen Marktplatz zu treiben. Mit den insgesamt 19 verbleibenden SS-Leuten seiner 3.Gruppe und des Zugtrupps übernahm der Angeklagte den ihm zugewiesenen Abschnitt. Andere hielten den Markt besetzt. Nach Waffen und Munition wurde nicht ernsthaft gesucht.

Dass das alleinige Ziel der Aktion darin bestand, die Bevölkerung auf dem Marktplatz zusammenzutreiben, um sie vollständig liquidieren zu können, wird durch den Befehl offenkundig, gebrechliche, nicht gehfähige Menschen am Ort ihres Auffindens sofort zu erschiessen. Bis nach 15.00 Uhr hatte der Angeklagte etwa 15 Häuser räumen und deren Bewohner zum Markt treiben lassen, darunter auch die 64 Schüler der Knabenschule mit ihren Lehrern. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits fast alle Bewohner, einschliesslich der auf den Feldern arbeitenden, zusammengetrieben worden; nur ganz wenigen Dorfbewohnern gelang es, sich zu verbergen. Auf dem Marktplatz wurden die Frauen und Kinder von den Männern getrennt und zur Kirche abgeführt. Erschütternde Szenen spielten sich dabei ab.

Die Ankündigung einer Personenkontrolle, die Forderung Munitionsdepots anzugeben, die Verhandlung über Geiselnahme waren zur Irreführung gedacht. Der Bevölkerung sollte das eigentliche Ziel der Aktion so lange wie möglich verborgen bleiben.

Gegen 15.30 Uhr trieb die SS die bis dahin festgehaltenen Männer in sechs unterschiedlich starken Gruppen in vorher ausgesuchte Scheunen, Schuppen und Garagen. Das waren jene von Milord, Bouchoule, Desourteaux, Laudy, Denis und Beaulieu.

 

Das war die Situation, die der Angeklagte vorfand, als er durch einen Melder zu Diekmann auf den Markt geholt worden war. Er sah dort die mit mindestens 20 Männern angefüllte Garage der Familie Beaulieu, die von Angehörigen seines Zuges bewacht wurde. Diekmann gab ihm den Befehl, die Erschiessung dieser Männer auf Signal zu befehligen. Auf das gegebene Signal des Kommandeurs begann das Massaker an allen Mordstätten, dem in wenigen Minuten die männliche Bevölkerung Oradours zum Opfer gefallen war. Nur fünf überlebten diese Massenerschiessung.