DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.I Verfahren Nr.1001 - 1030 (1975 - 1989)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1009a    Stadtgericht Berlin    07.06.1983    DJuNSV Bd.I S.283

Am 2.7.1942 ordnete die Gestapo für die Reservepolizeieinheit Pardubice die umfangreichste Erschiessung an. Der Angeklagte meldete sich freiwillig in das 15köpfige Erschiessungskommando unter Führung von Oberleutnant Preuss. Um 20.00 Uhr begann die Tötung der 30 Männer und 10 Frauen in Gruppen zu je fünf Personen. Auch hier tötete der Angeklagte durch gezielte Schüsse in die Herzgegend. Vier der insgesamt 40 namentlich bekannten Opfer stammten aus Lezaky.

Am 9.7.1942 wurden zwischen 19.00 und 20.00 Uhr an gleicher Mordstätte von einem 10 Schützen starken Kommando unter Führung von Oberleutnant Preuss 12 Männer und 3 Frauen getötet, deren Namen in der Hauptverhandlung festgestellt wurden. Der Angeklagte wurde diesmal dem Sicherungskommando zugeteilt. Mit diesem bezog er den befohlenen Posten und sicherte mit schussbereiter Waffe den Tatort ab.

 

Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Angeklagte in der Zeit vom 9.6.1942 bis zum 9.7.1942 in vier Fällen, davon in drei Handlungen als Angehöriger eines Erschiessungskommandos und einmal als Sicherungsposten an der Ermordung von 92 tschechischen Frauen und Männern beteiligt war.

 

3.2. « Die Vernichtung des Ortes Oradour »

 

Zu Beginn des Jahres 1944 war der Angeklagte als SS-Untersturmführer in der SS-Division "Das Reich" zur Ausbildung von Unterführern für die Auffüllung der an der Ostfront zerschlagenen Einheiten eingesetzt. Diese SS-Division war im Süden Frankreichs stationiert.

Am 6.6.1944 eröffneten die Alliierten in Nordfrankreich die 2.Front. Der Angeklagte gehörte zu dieser Zeit als Zugführer des 1.Zuges, unter seinem Kompanieführer, SS-Hauptsturmführer Ka., der 3.Kompanie des I.Bataillons unter SS-Sturmbannführer Diekmann dem I.SS-Panzer-Grenadier-Regiment 4 "Der Führer" unter seinem Kommandeur, SS-Standartenführer Stadler, an. Dieses Regiment war Bestandteil der 2.SS-Panzer-Division "Das Reich" unter dem Befehlshaber, General der Waffen-SS, SS-Oberführer Lammerding.

Führungsbefehle, mit denen die SS-Einheiten auf den Marsch zum Kriegsschauplatz im Norden Frankreichs befohlen wurden, forderten zugleich von allen Angehörigen der faschistischen Besatzungsmacht gegenüber den Franzosen "schärfste Massnahmen" und "rücksichtslose Härte". Militärische Ausbildung und nationalsozialistische Erziehung der SS-Offiziere wie der Mannschaften waren Gewähr dafür, dass diese Befehle mit erbarmungsloser Konsequenz in die Tat umgesetzt wurden. Jeder Widerstand sollte im Blut erstickt werden. In Tagesberichten der Einheiten wurden die ermordeten französischen Bürger mit der Bezeichnung "Feindtote" als Erfolgsmeldung aufgeführt.

 

Etwa am 7.6.1944 wurde die Einheit des Angeklagten auf dem Marsch bei dem Dorf Frayssinet-le-Gelat beschossen. Das löste entsprechend dem Befehl des Oberkommandos West vom 12.2.1944 über verschärfte Massnahmen gegen Partisanen, der neben anderen die sofortige Erschiessung Verdächtiger und das Inbrandsetzen von Wohnstätten zum Inhalt hatte, eine Aktion aus, in deren Folge Angehörige der 3.Kompanie als Vergeltungsmassnahme mindestens zwei Frauen auf dem Dorfplatz erhängten und mindestens zehn Männer erschossen. Widerstandskämpfer oder Verdächtige waren nicht gefunden worden. Währenddessen befand sich der Angeklagte nicht am Tatort. Eine andere Einheit der Division hatte am 9.6.1944 den Auftrag, eine Widerstandsaktion in der Stadt Tulle zu rächen. Mindestens 99 Männer wurden in der dortigen Avenue de la Gare von der SS erhängt.

Am gleichen Tag hatte das Bataillon Diekmann den Raum Limoges erreicht und sollte dort etwa 3 Tage den Marsch unterbrechen. Die Einheit des Angeklagten war in St. Junien einquartiert, wo auch der Bataillonsstab seinen Sitz hatte.

 

Am 10.6.1944 entschied sich das Schicksal Oradours. Tags zuvor war der Kommandeur des III.Bataillons, SS-Sturmbannführer Kämpffe, von Partisanen gefangengenommen worden. Dafür sollte Vergeltung und Rache geübt werden.