DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.I Verfahren Nr.1001 - 1030 (1975 - 1989)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1009a    Stadtgericht Berlin    07.06.1983    DJuNSV Bd.I S.282

verantwortlich und insoweit der Gestapo unterstellt. Als hauptsächliche Mordstätte in diesem Gebiet wurde der Standort Pardubice gewählt, weil die Gestapo die Opfer anschliessend in dem dortigen Krematorium unter ihrer Aufsicht von den Angestellten des Krematoriums, so den Zeugen Cha. und Dal., verbrennen und sich die Asche der Toten zum Zwecke der völligen Beseitigung der Spuren des Verbrechens aushändigen lassen konnte.

Der Leiter der Gestapo-Aussendienststelle Kolin, der durch das Stadtgericht Berlin am 11.12.1972 verurteilte Feustel (101a BS 55/72 89), und die Leiter der Dienststellen der Gestapo in und um Pardubice haben in der Zeit vom 3.6.1942 bis zum 9.7.1942 allein durch die Einheiten der Reserve-Polizei Pardubice 178 namentlich bekannte tschechische Bürger ermorden und im dortigen Krematorium einäschern lassen. Ausserdem wurden, wie die Zeugen bekundeten, im Krematorium viele nicht identifizierte, von der Gestapo in den Verhören umgebrachte Menschen verbrannt, um die begangenen Grausamkeiten zu verschleiern.

Als Hinrichtungsstätte wurde im Kasernenobjekt Pardubice eine kleine Bodensenke im Wald genutzt, die sich unweit des sogenannten kleinen Schlösschens befand, das in das Kasernenareal einbezogen war. Es wurden jeweils bis zu fünf Opfer vorgeführt und mit verbundenen Augen an Pfählen festgebunden. Erschiessungskommandos, die aus fünf bis fünfzehn überwiegend freiwilligen Schützen bestanden, führten unter Leitung eines Polizeioffiziers die Tötung durch gezielte Schüsse aus. Danach noch lebende Opfer wurden vom Offizier mit einem Pistolenschuss getötet. Die Tötung, der Abtransport der Leichen und deren Verbrennung mit anschliessender Übergabe der Totenasche erfolgten unter ununterbrochener Aufsicht der Gestapo. Den zu ermordenden Bürgern wurden die Tötungsbefehle verlesen, die als Grund den bereits erwähnten Vorwurf "Gutheissung des Attentats" oder andere nichtige Beschuldigungen enthielten. Die Opfer wiesen häufig selbst diese Anschuldigungen zurück und beschuldigten ihre Peiniger des Mordes. Das weisen die alle Einzelheiten der Erschiessungen wiedergebenden Protokolle der Faschisten nach, die in der Beweisaufnahme verlesen wurden.

 

Während seiner Zugehörigkeit zum 1.Vorbereitungslehrgang für Reserve-Offiziers-Anwärter in Klatovy in der Zeit von Mitte Mai 1942 bis zum 17.Juni 1942 wurde der Angeklagte unmittelbar nach dem Attentat auf Heydrich kurzfristig mit den Lehrgangsteilnehmern nach Prag abkommandiert, wo er an Razzien und Durchsuchungen von Wohnvierteln in der Nähe des Wenzelplatzes teilnahm.

Am 9.6.1942 wurden aus dem Kreis der Teilnehmer des Lehrganges des Angeklagten Freiwillige für die Erschiessung von vier Menschen gesucht. Der Angeklagte meldete sich und gehörte dem 10 Schützen umfassenden Kommando unter Leitung von Leutnant Hänel an. Auf dem ausserhalb von Klatovy bei Luby liegenden Schiessplatz der Ausbildungseinheit wurden die namentlich festgestellten Opfer erschossen. Der Angeklagte zielte und schoss jeweils auf die Herzgegend des ihm zugewiesenen Opfers.

 

In seinem Standort Pardubice hat sich der Angeklagte in der Folgezeit weiterhin freiwillig zu Erschiessungen gemeldet. Zweimal wurde er dem Erschiessungskommando, einmal dem Sicherungskommando zugeteilt, das mit entsicherter Waffe neben dem Schutz der eigenen Kräfte auch jeden Fluchtversuch von Opfern zu vereiteln hatte.

Am 24.6.1942 begann um 21.15 Uhr im Kasernengelände Pardubice die Ermordung von 33 namentlich bekannten Opfern von Lezaky. Der Angeklagte gehörte zu dem 15 Schützen umfassenden Kommando, das unter Führung seines damaligen Kompaniechefs, Oberleutnant Preuss, die Erschiessung vornahm. Dazu wurden die Opfer, auch die von der Seite ihrer Kinder gerissenen Mütter, in 11 Gruppen zu je drei Personen von der Gestapo vorgeführt. Der Angeklagte schoss auf das Herz der Opfer.

89 Siehe Verfahren Lfd.Nr.1042.