DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.I Verfahren Nr.1001 - 1030 (1975 - 1989)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1009a    Stadtgericht Berlin    07.06.1983    DJuNSV Bd.I S.281

3. « Der Sachverhalt »

 

Der Angeklagte wird beschuldigt, während seiner Zugehörigkeit zur faschistischen Polizei und zur Waffen-SS schwere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.

 

3.1. « Straftaten im Zusammenhang mit dem Attentat auf Heydrich »

 

Das Attentat auf den berüchtigten Stellvertreter des Reichsprotektors Böhmen und Mähren, SS-Obergruppenführer Heydrich, am 27.Mai 1942 nahm die faschistische Führung zum Anlass, mit grosser Brutalität gegen das tschechische Volk im okkupierten Gebiet vorzugehen, grausame Vergeltung zu üben und zugleich die beschlossene Germanisierung, die die Vernichtung grosser Teile der tschechoslowakischen Bevölkerung vorsah, beschleunigt durchzusetzen. Noch am Abend des Attentats ordnete Himmler in einem Telegramm an SS-Gruppenführer Frank an, 10.000 tschechische Bürger, insbesondere aus der Intelligenz, als Geiseln zu verhaften und in derselben Nacht bereits 100 zu erschiessen. Die Faschisten führten im gesamten Protektorat Grossfahndungen durch, nahmen massenweise Verhaftungen vor und ermordeten Männer, Frauen und Jugendliche. Willkürlich beschuldigten sogenannte Standgerichte der Gestapo Bürger der "Gutheissung des Attentats", "Nichteinhaltung polizeilicher Meldevorschriften" oder suchten andere Vorwände, die der Abschreckung und Vergeltung dienenden Massnahmen zu begründen. Die entsprechenden Erlasse und Verfügungen sowie die ausgeführten Massnahmen wurden in Presse und Rundfunk sowie durch öffentliche Anschläge publiziert. Die Mordbefehle der Gestapo wurden durch die Polizeieinheiten vollstreckt, u.a. auch durch jene in der Kaserne Pardubice, in welcher der Angeklagte stationiert war.

 

Selbst die in der Beweisaufnahme verlesenen faschistischen Dokumente weisen aus, dass in Hunderten von Fällen die Ermordung der Opfer allein wegen "Gutheissung des Attentats" oder "Nichteinhaltung polizeilicher Meldevorschriften" befohlen wurde.

Insgesamt waren als Folge der Vergeltungsaktion bis Mitte Juli 1942 1.357 Menschen ermordet und weitere 3.188 überwiegend in Konzentrationslager verschleppt worden.

 

Besonders schwere Verbrechen der Faschisten stellten die Vernichtung der Ortschaften Lidice und Lezaky dar. Lidice wurde am 10.6.1942 mit seinen 95 Häusern vollständig niedergebrannt, 199 männliche Einwohner über 15 Jahre wurden an Ort und Stelle erschossen, 184 Frauen in das Konzentrationslager Ravensbrück, 88 Kinder in das Lager Litzmannstadt 88 und 7 Kinder unter einem Jahr nach Prag verschleppt. Drei nach faschistischer Rassenterminologie "deutschstämmige" Kinder wurden zur sogenannten Eindeutschung freigegeben.

Am 24.06.1942 wurde der Ort Lezaky ausgelöscht. Seine acht Häuser wurden erst geplündert und dann niedergebrannt. 18 Männer und 19 Frauen, die Jüngste 16, der Älteste 74 Jahre alt, wurden in der Kaserne Pardubice ermordet und ihre 14 Kinder verschleppt.

Eines der Vollzugsorgane dieser Verbrechen war das östlich von Prag eingesetzte Reserve-Polizei-Bataillon Kolin mit den Standorten Kolin, Pardubice (Pardubitz), Nachod und Hradec Kralove (Königgrätz), welches durch den bereits erwähnten Bataillonskommandeur Got. geführt wurde.

 

Gemäss dem Befehl Ia - Tgb.Nr.246/42(g) - vom 2.6.1942 des Befehlshabers der Ordnungspolizei für das Protektorat in Prag hatte die Einheit des Got. nicht nur die Fahndungs- sowie sonstigen Sicherungs- und Verfolgungsmassnahmen der zentralen Führung zu unterstützen, sondern war auch für die Erschiessungen der von der Gestapo zugeführten Menschen

88 Litzmannstadt = Lodz.