DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.I Verfahren Nr.1001 - 1030 (1975 - 1989)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1009a    Stadtgericht Berlin    07.06.1983    DJuNSV Bd.I S.279

Der Angeklagte war zunächst Angehöriger der faschistischen Schutzpolizei und bis Kriegsende Offizier der Waffen-SS.

 

2. « Die persönlichen Verhältnisse des Angeklagten »

 

Die Erziehung durch Eltern und Schule liessen den Angeklagten in allem zu jenem Typ des Kleinbürgers werden, der sich jedem fortschrittlichen Gedankengut verschloss und den der deutsche Imperialismus zur Errichtung der faschistischen Diktatur, zur Realisierung der nazistischen Politik benötigte. Seit seiner frühesten Jugend ordnete er sich bewusst in die Lebens- und Gedankenwelt eines Menschen ein, der sich mit den von den faschistischen Ideologen missbrauchten Begriffen von Pflichterfüllung, Heldentum und Treue - immer verstanden als Eigenschaften im Dienste des nationalsozialistischen Führerstaates - in völliger Übereinstimmung befand. Bereits im Jahre 1932 - als Zwölfjähriger - gehörte der Angeklagte der faschistischen Jugendorganisation an. Für seine frühe Mitgliedschaft und seinen aktiven Einsatz erhielt er das "Goldene HJ-Abzeichen". Mitte 1938 trat der Angeklagte dem "Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps" bei. Am 9.11.1939 wurde er Mitglied der NSDAP.

Nach dem Abschluss der Volksschule nahm der Angeklagte eine Lehre als Textilkaufmann auf, die er im Jahre 1938 abschloss. Bis Januar 1940 war er in diesem Beruf überwiegend in seiner Heimatstadt Gransee tätig.

Den Krieg begrüsste er. Die faschistischen Eroberungsparolen entsprachen genau seinen Vorstellungen; er billigte sie nicht nur, sondern war willens, ihrer Erfüllung mit ganzem Einsatz zu dienen. Seine spätere Bereitschaft, in den faschistischen Polizei- und SS-Verbänden alle Befehle auszuführen und selbst Befehlsgewalt auszuüben, ist die logische Folge eines insoweit widerspruchslosen Erziehungsprozesses.

 

Am 18.1.1940 wurde der Angeklagte zur Schutzpolizei der Reserve einberufen. Als Rottwachtmeister im Bestand des Polizeibataillons 206 war er in Nachod - Tschechoslowakische Republik - stationiert. Nur wenige Wochen nach seiner Einberufung, noch während der infanteristischen Grundausbildung, besuchte er einen Lehrgang zur Ausbildung von Unterführeranwärtern. Am 1.1.1941 wurde er zum Wachtmeister der Schutzpolizei der Reserve befördert.

Im Jahre 1941 wurde seine Einheit nach der Stationierung in Mlada Boleslaw (während der Okkupationszeit Jungbunzlau) in das Reservepolizeibataillon Kolin eingeordnet. In der Zeit von Ende September 1941 bis Anfang Februar 1942 war der Angeklagte zum damaligen Befehlshaber der faschistischen Ordnungspolizei Prag abkommandiert, wo er als Hilfskraft im Stab Dienst verrichtete. Dort erfolgte am 9.11.1941 seine Beförderung zum Oberwachtmeister.

Unter dem Kommando des vom Bezirksgericht Schwerin am 31.März 1971 (1 BS 4/71) wegen mehrfacher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilten Bataillonskommandeurs Got. 87 diente er in der 2.Kompanie des Reserve-Polizei-Bataillons Kolin. Mitte März 1942 erfolgte seine Übernahme als Gruppenführer in die 3.Kompanie des Bataillons, die in Pardubice (Pardubitz) stationiert war. Während dieser Zeit nahm er an einem Unterführerlehrgang in Mlada Boleslaw teil.

Aufgrund seiner Eignung nahm er in der Zeit von Mitte Mai bis Mitte Juni 1942 in Klatovy (Klattau) an einem Vorbereitungslehrgang für Reserveoffiziersanwärter teil. In der Beurteilung wird ihm bestätigt, dass er bei "gesundem Ehrgeiz und strammer militärischer Haltung das Wesen der nationalsozialistischen Weltanschauung erfasst" habe.

Seine auf diesen Lehrgang gesammelten Erfahrungen wandte der Angeklagte dienstbeflissen in der weiteren Zeit bis Ende Juli 1942 noch im Bestand der 3.Kompanie in Pardubice an.

87 Siehe Verfahren Lfd.Nr.1045.