DDR-Justiz und NS-Verbrechen Bd.I Verfahren Nr.1001 - 1030 (1975 - 1989)

Prof. Dr. C.F. Rüter
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.1009a    Stadtgericht Berlin    07.06.1983    DJuNSV Bd.I S.286

Den vernichteten Ort noch vor Augen, befahl Diekmann den Offizieren, Stillschweigen zu wahren, wenn nötig sollte erklärt werden, dass Widerstand von Partisanen zu brechen gewesen sei und dass dabei Ort und Kirche durch dort lagernde Munition in die Luft geflogen seien. Der Angeklagte übermittelte diese Legende befehlsgemäss seinen Zugangehörigen.

Nach dem Rückmarsch der 3.Kompanie nach St. Junien, setzte sie noch in der Nacht zum 11.6.1944 den Marsch fort.

Eine andere SS-Einheit wurde am Morgen des folgenden Tages nach Oradour befohlen. Sie hat eine Anzahl Leichen, besonders aus der Kirche, überwiegend in Massengräber verscharrt.

 

Stadlers Regimentsmeldung vom 11.6.1944 lautete:

"SS-Panzer-Grenadier-Regiment 4 "Der Führer" setzte Säuberungsaktion am 10. und 11.6.1944 im U.-Raum fort. I./SS "DF" trat am 10.6.1944, 13.30 Uhr auf Oradour an und umstellte den Ort. Nach Durchsuchung des Ortes wurde dieser niedergebrannt. Fast in jedem Haus war Munition gelagert. ...

Ergebnisse: 548 Feindtote -/1/1 eigene Verwundete"

Die als verwundet angegebenen SS-Leute waren in beiden Fällen Opfer ihres eigenen Wütens im Dorf.

 

In der Folgezeit wurde mit einer Vielzahl von Lügen und Verschleierungen, die sich im Kern mit der von Diekmann ausgegebenen Legende deckte, von den faschistischen Befehlszentralen versucht, das tatsächliche Geschehen und sein Zustandekommen zu vertuschen. Die widersprüchlichen und teils eindeutig falschen Darlegungen des Zeugen Okr., ehemals SS-Obersturmbannführer und Chefrichter der SS-Division "Das Reich", lassen keinen Schluss zu, ob tatsächlich kriegsgerichtliche Untersuchungen durchgeführt worden sind. Zur Verantwortung jedenfalls wurde niemand gezogen. Der Angeklagte wurde als beteiligter Offizier zu keinem Zeitpunkt auch nur gehört.

 

Für seine Beteiligung an den Verbrechen in Oradour-sur-Glane wurde der Angeklagte vom Ständigen Militärtribunal Bordeaux am 13.Februar 1953 in Abwesenheit zum Tode verurteilt und die Vollstreckungsverjährung auf den 12.2.1973 bestimmt.

 

4. « Beweismittel und Beweiswürdigung »

 

Der vorstehende Sachverhalt ist das Ergebnis der Beweisaufnahme. Er beruht auf den umfassenden Aussagen des Angeklagten und den in der Hauptverhandlung vorgetragenen bzw. verlesenen Aussagen der Zeugen: Deg., Ueb., Cha., Dal., Heb., Bea., Bor., Mac., Bro., Dar., Ro., Thu., Da., Els., Gra., Boo., Okr. und Ka.

Unterlagen und Dokumente zur Person des Angeklagten sowie zu den Geschehnisorten, Fotodokumentationen und Protokolle über die Tathandlungen und dazu vorliegende Untersuchungsberichte sowie Militärdokumente wurden in die Beweisaufnahme einbezogen. Als Gutachter wurden Herr Dr. Sik. von der tschechoslowakischen Regierungskommission für die Verfolgung der Nazikriegsverbrechen und Herr Dr. Ges. vom Militärgeschichtlichen Institut der DDR gehört.

 

Die objektiven Beweismittel aus Personalunterlagen über den Angeklagten vor 1945 mit der lückenlos nachgewiesenen Zugehörigkeit zur Schutzpolizei der Reserve, einschliesslich präzisem Nachweis seiner Anwesenheit und Funktionen an den Tatorten in Luby und Pardubice stehen in völliger Übereinstimmung mit dem Geständnis des Angeklagten zu seiner Beteiligung an den Erschiessungen in der CSR. Im Protokoll über die Erschiessung in Luby bei Klatovy am 9.6.1942 ist ausdrücklich vermerkt, dass als Erschiessungskommando die Teilnehmer des Vorbereitungslehrganges für Reserve-Offiziers-Anwärter herangezogen